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Wiehl, 27. Juni 2026

Verlässlichkeit ist kein Werbeslogan, sondern eine innere Haltung

Ingo Stockhausen blickt in die Kamera. Der langjährige Vorstandsvorsitzende der Volksbank Oberberg spricht im Interview über seinen Abschied nach 45 Jahren im Unternehmen.
Foto: Katharina Hein --- Ingo Stockhausen verabschiedet sich nach 45 Jahren bei der Volksbank Oberberg zum 30. Juni 2026 in den Ruhestand.

45 Jahre Volksbank Oberberg und Vorgängerinstitute, 28 Jahre im Vorstand, davon 20 Jahre an der Spitze. Ingo Stockhausen verabschiedet sich zum 30. Juni 2026 in den Ruhestand. Im Gespräch erklärt er, was ihn geprägt hat, warum Kundennähe für ihn immer Strategie war und weshalb Übergaben in Banken mehr sind als Personalien.

Herr Stockhausen, 45 Jahre im Haus, knapp drei Jahrzehnte im Vorstand, und zwei Dekaden als Vorstandsvorsitzender. Was bleibt, wenn man auf diese Zeit zurückblickt?
Ingo Stockhausen
: Es bleibt das Gefühl großer Dankbarkeit und der besonderen Ehre, dass ich in meiner Heimat diese berufliche Zeit in einer verantwortungsvollen Rolle verbringen durfte. Ebenso die ausdrückliche Freude darüber, dass wir über Jahrzehnte konsequent unserer Überzeugung gefolgt sind, als regionale Genossenschaftsbank nah bei den Menschen zu sein. Die Eröffnung neuer Geschäftsstellen in den Jahren 2008 bis 2015 und der stetige Ausbau unserer Standorte sind mir in besonderer Erinnerung geblieben.

Sie gehen am 30. Juni 2026 endgültig in den Ruhestand. Fühlt sich dieser Schritt eher nach Abschluss an oder nach Übergabe?
Es ist sicher beides. Persönlich der Abschluss einer für mich herausragenden Zeit mit wunderbaren Wegbegleitern und zugleich die Übergabe der Verantwortung an meinen Nachfolger Andreas Neumann sowie an die Vorstandskollegen Jörn Richling und Marc Gottschlich. Sie werden die Bank gemeinsam mit unseren engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in eine gute Zukunft führen.

Was hat Sie als junger Mitarbeiter in die Volksbank gebracht und was hat Sie im Haus gehalten?
Mich hat sicher recht früh gereizt, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig nahe am Alltag der Menschen zu bleiben. Genossenschaftliche Banken haben eine besondere Erdung. In der Region mit schnellen Entscheidungen unmittelbar etwas bewegen zu können und nicht in großen Systemen gefangen zu sein, das war für mich entscheidend.

Wenn Sie an den Beginn Ihrer Vorstandstätigkeit denken, was war die größte Herausforderung?
Mit 36 Jahren war ich in unserer Bank, in der Region und bundesweit einer der jüngsten Vorstände. Akzeptanz und Vertrauen zu erlangen bei allen Stakeholdern und insbesondere auch im eigenen Hause, das habe ich seinerzeit als durchaus anspruchsvoll empfunden. Zudem veränderten sich der Arbeitsalltag und die Themen grundlegend. Über den Tellerrand zu blicken, ein Gefühl für das zu haben, was übermorgen kommen kann, war ebenfalls herausfordernd.

Sie haben das Berti-Vogts-Zitat „Der Star ist die Mannschaft“ geprägt. Was bedeutet das als Führungsprinzip konkret?
Die Formulierung soll deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir nur als Gemeinschaft, mit Teamgeist und Engagement erfolgreich sein können. Jeder muss in seiner Rolle und Funktion einen Beitrag leisten, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen.

Wie erkennt man, ob Kultur in einer Organisation tatsächlich funktioniert?
In den Momenten, in denen es schwierig wird. Wenn Konflikte entstehen, wenn Fehler passieren, wenn von außen Druck kommt. Dann zeigt sich, ob man respektvoll und wertschätzend miteinander umgeht, ob man sich gegenseitig trägt und somit handlungsfähig bleibt. Kultur ist nicht das, was man schreibt, sondern das, was man lebt.

Sie haben in den vergangenen Jahren Krisen in Serie erlebt. Gab es eine Phase, die Sie besonders geprägt hat?
Grundsätzlich hat jede Krise auf die ein oder andere Weise Wirkung hinterlassen. Die Finanzmarktkrise und die sich anschließenden Turbulenzen waren ohne Zweifel die gravierendsten Eindrücke, weil plötzlich fundamentale Fragen im Raum standen. Das Vertrauen in Banken, Staaten und Währungen stand auf dem Prüfstand und ich bin mir auch heute noch bewusst, dass vieles am seidenen Faden hing. Für das Vertrauen und die Loyalität unserer Kundinnen und Kunden in unser Haus bin ich heute noch sehr dankbar.

Und dann kam die Corona-Krise. Eine weltweite Ausnahmesituation, die alle Lebensbereiche betroffen hat. In dieser Phase hat sich deutlich gezeigt, wie leistungsfähig und engagiert unsere Mannschaft ist. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mit großer Verlässlichkeit dafür gesorgt, dass wir für unsere Kundinnen und Kunden erreichbar geblieben sind, auf allen verfügbaren Wegen. Es wurden Lösungen geschaffen, um unter schwierigen Bedingungen persönlich ansprechbar zu sein und den laufenden Betrieb jederzeit sicherzustellen. Dieses außergewöhnliche Engagement und Verantwortungsbewusstsein haben mich nachhaltig beeindruckt.

Im Frühjahr 2024 ereignete sich der plötzliche Tod Ihres designierten Nachfolgers Frank Dabringhausen. Sie haben damals von einem emotionalen Ausnahmezustand gesprochen. Was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht?
Sie hat die Verletzlichkeit eines stabilen Systems sichtbar gemacht. Zugleich wurde deutlich, wie wichtig gerade in schwierigen Zeiten Gemeinschaft, Zusammenhalt und Verlässlichkeit sind. Für eine solche Situation gibt es keinen Plan in der Schublade. Ein pietätvolles Handeln, Ruhe und Besonnenheit sind die gebotenen Tugenden. Auch in dieser wahrhaftigen Ausnahmesituation hat unsere Mannschaft vorbildlich funktioniert.

Sie haben nach diesem Einschnitt Ihren Vertrag bis zum 30. Juni 2026 verlängert. Was war der ausschlaggebende Grund?
Neben dem eigenen Verantwortungsbewusstsein haben mich die Gespräche mit meinen Vorstandskollegen und dem Aufsichtsrat bewegt, die Dienstzeit nochmals zu verlängern, damit sorgfältige Weichenstellungen mit der nötigen Ruhe vollzogen werden konnten. Ich habe die Entscheidung der Vertragsverlängerung natürlich mit meiner Familie besprochen und von dort die uneingeschränkte Unterstützung erfahren.

Kundennähe ist ein Begriff, den viele Banken verwenden. Bei Ihnen klingt es weniger nach Werbesatz, eher nach Strategie. Woran macht sich Kundennähe in der Praxis fest?
Zum einen an der räumlichen Nähe mit kompetenten und engagierten Mitarbeitenden in den Geschäftsstellen vor Ort. Aber auch durch ein aufrichtiges Interesse an den Wünschen und Bedarfen unserer Kundinnen und Kunden. Nah bei den Menschen, an der Realität orientiert und als Finanzdienstleister persönlich ansprechbar, das ist für mich und uns die gelebte Praxis in einer Regionalbank.

Viele Institute haben ihr Filialnetz zurückgebaut. Sie betonen eine dezentrale Ausrichtung. Warum?
Wir leben und arbeiten in einer kleinstädtischen, ländlichen Region. Wir wissen aus unzähligen Gesprächen um die Erwartungshaltung der Menschen, auch der jungen Leute. Unsere Kundinnen und Kunden wünschen sich vornehmlich den persönlichen Kontakt und eine gute Erreichbarkeit, ergänzt um ein modernes Online-Banking-Angebot. Wir stellen alle Kommunikations- und Vertriebswege zur Verfügung. Der Kunde entscheidet, ob er uns vor Ort, telefonisch, per E-Mail oder digital kontaktiert. In einer Zeit, in der Preise und Produkte quasi austauschbar sind, bleibt unsere Präsenz vor Ort ein elementarer Wettbewerbsvorteil.

Digitalisierung ist trotzdem nicht verhandelbar. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Balance?
Der Begriff Digitalisierung wird vielschichtig verwandt und häufig missverständlich interpretiert. Unser Selbstverständnis zu allen Facetten der Digitalisierung mündet immer in der Fragestellung, inwieweit technische Anwendungen jedweder Form den Menschen, innen und außen, einen Mehrwert bieten. Erkennen wir diesen, stehen wir dem Einsatz positiv gegenüber. Digitalisierung muss immer eine dienende und darf keine disruptive Funktion haben.

Wenn Sie auf Ihre Amtszeit schauen, worauf sind Sie im Hinblick auf Mitarbeitende besonders stolz?
Besonders stolz bin ich darauf, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer mit großem Engagement, verlässlich und mit hoher Identifikation im Hause und nach draußen gewirkt haben. Ebenso darauf, dass wir vielen jungen Menschen, vielen Auszubildenden eine Perspektive bieten und sie somit auch langfristig für unsere Bank gewinnen konnten.

Sie waren zudem in überregionalen Gremien aktiv. Was hat Ihnen dieser Blick über den Tellerrand gebracht?
Es hat mir geholfen, auch die übergeordneten Themen frühzeitig erkennen und sie für unser Haus Nutzen stiftend einbinden zu können. Man versteht die Zusammenhänge schneller, steckt tiefer in den strategischen Verbundthemen und kann gezielt in eine gute Vorbereitung investieren. Abseits dessen blicke ich auf viele wertvolle zwischenmenschliche Kontakte, die ich in der regionalen und bundesweiten Verbandsarbeit, meiner Zeit bei der DZ Bank AG und in der Bundesbank knüpfen konnte.

Lassen Sie uns über den Übergang sprechen. Die Nachfolge ist geregelt: Andreas Neumann übernimmt zum 01.07.2026 den Vorstandsvorsitz, Jörn Richling wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Marc Gottschlich kommt als neues Vorstandsmitglied hinzu. Was geben Sie diesem Trio mit?
Eine gehörige Portion Demut vor der Aufgabe, verbunden mit dem nötigen Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, innere und äußere Erreichbarkeit sowie das Vertrauen in die Mannschaft. Eine gute Strategie ist wichtig, aber sie wirkt nur, wenn sie im Alltag von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen und mit Überzeugung umgesetzt wird. Zusammenhalt bleibt essenziell, nur so hat die Bank auch in der Vergangenheit die schwierigsten Situationen meistern können.

Was soll aus Ihrer Zeit bleiben? Und was darf sich verändern?
Bleiben können sehr gerne die Grundzüge unserer Kultur und Struktur. Verlässlichkeit, ein wertschätzender Umgang, das richtige Maß an Fehlertoleranz und die Freude an der Rolle eines regionalen Finanzdienstleisters. Das Ganze in einer modernen Struktur und Kombination von Dezentralität mit kompetenten Menschen vor Ort, ergänzt um zeitgemäße digitale Angebote.

Was die Bank verändern beziehungsweise weiterentwickeln muss, wird die Zeit und werden auch die exogenen Einflüsse zeigen. Unabhängig davon glaube ich, dass wir jedoch stets an der Geschwindigkeit und Verbindlichkeit in der Umsetzung getroffener Entscheidungen arbeiten können.

Zum Schluss: Worauf freuen Sie sich im Ruhestand, ohne Floskel, ohne Pose?
Auf mehr Zeit für die Familie und Dinge, die im Berufsleben zu kurz kommen. Und auf eine andere Form von Freiheit, die nicht im Kalender steht.

Und was werden Sie vermissen?
Die Verantwortung im positiven Sinne. Das Gefühl, gemeinsam etwas für die Menschen in unserer Region gestalten zu können. Und vor allem die vielen zwischenmenschlichen Begegnungen auf allen Ebenen, die zeigen, dass unsere Arbeit auf Beziehungen und Vertrauen basiert.

Wenn Sie den Mitarbeitenden einen Satz mitgeben könnten, der länger hält als ein Jahresbericht, welcher wäre das?
Vergessen Sie nie unseren Auftrag und denken Sie alles aus der Sicht unserer Kunden! Wir sind Dienstleister für die Menschen, Unternehmen sowie Institutionen in der Region und kein Selbstzweck.

Das Interview führte Nils Hühn

Zur Person

Ingo Stockhausen
Geboren 1962 in Waldbröl
Verheiratet, drei Kinder

Beruflicher Werdegang

1981: Abitur am Hollenberg-Gymnasium Waldbröl
1981–1984: Ausbildung zum Bankkaufmann, Raiffeisenbank Nümbrecht eG
1994: Berufung zum Prokuristen, Raiffeisenbank Wiehl eG
1995: Abschluss des Führungsseminars der Akademie Deutscher Genossenschaften, Diplom-Bankbetriebswirt
1996: Leiter Firmenkundenbereich, Raiffeisenbank Wiehl eG
01.01.1999: Ernennung zum Vorstandsmitglied, Raiffeisenbank Wiehl eG
01.01.2007: Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden, Volksbank Oberberg eG

Ausgewählte Mandate

  • Beirat, Deutsche Bundesbank, Hauptverwaltung Nordrhein-Westfalen
  • Verbandsrat, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken
  • Fachrat Kreditgenossenschaften im Genossenschaftsverband – Genoverband e.V. (Mitglied, zuletzt Vorsitz)
  • Aufsichtsrat, DZ BANK AG (Mitglied, zuletzt stellvertretender Vorsitz)
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